Pressekonferenz 2016

Prof. Dr. Bernd Bertram

Studien beantworten nicht alle Fragen des Alltags

Kurzfassung

Augenärzte behandeln ihre Patienten nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin (EbM). EbM bezeichnet nach der Definition von David Sackett den gewissenhaften, ausdrücklichen und vernünftigen Gebrauch des verfügbaren besten Beleges („Evidence“) bei Entscheidungen über die individuelle Behandlung von Patienten. In diese Entscheidungen fließt die individuelle klinische Erfahrung des Augenarztes ebenso ein wie die besten verfügbaren Belege aus der systematischen Forschung zur jeweiligen Krankheit.

Medikamente, Operationstechniken oder Medizinprodukte, aber auch diagnostische Verfahren werden im Rahmen von klinischen Studien auf ihren Nutzen und ihre Sicherheit überprüft, um so die medizinische Behandlung zu verbessern. Solche Studien sind sehr aufwendig. Sie erfordern hochqualifiziertes Personal und verursachen hohe Kosten. Die Rekrutierung der Studienteilnehmer kann daran scheitern, dass Patienten nicht das Risiko auf sich nehmen wollen, zur (schein- oder nicht behandelten) Kontrollgruppe zu gehören. Patienten mit mehreren Krankheiten werden häufig nicht in die Studien aufgenommen – sie benötigen aber gleichwohl eine kompetente Behandlung. Für viele Fragen, die sich in der augenärztlichen Praxis täglich stellen, gibt es keine guten Studien mit hohem Evidenzgrad.

Im Praxisalltag ist die klinische Erfahrung des Augenarztes neben seinem Lehrbuchwissen deshalb oft die einzige Stütze für Entscheidungen. Eine Brücke zwischen der klinischen Forschung und dem Praxisalltag bildet die Versorgungsforschung. Um sie im Bereich der Augenheilkunde zu verbessern, finanzieren der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA) und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) eine Stiftungsprofessur „augenärztliche Versorgungsforschung“ an der Universität Mainz. Da nicht jeder Augenarzt ständig alle wissenschaftlichen Publikationen nachverfolgen kann, sichten und bewerten Fachgesellschaften die vorliegende Literatur und formulieren alltagstaugliche Leitlinien und Empfehlungen.

Die Handlungsfähigkeit des Augenarztes wird durch die Gegebenheiten des Gesundheitswesens nicht selten eingeengt. Welche diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen vertreten sind. Er stützt sich in seinen Entscheidungen auf Berichte des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Dieses Institut legt sehr hohe Maßstäbe an und bezieht nur Studien mit hohem Evidenzgrad ein. Liegt keine „Evidenz“ aufgrund dieser Studien vor, wird der Antrag, eine neue Leistung in den Katalog aufzunehmen, in der Regel abgelehnt. Abgelehnt wird der Antrag auch dann, wenn es trotz Hinweisen für den Erfolg aus einer breiten klinischen Erfahrung keine Belege aus hochwertigen Studien gibt. Der Berufsverband der Augenärzte plädiert daher dafür, dass der Gemeinsame Bundesauschuss seine Entscheidungen nicht nur auf Daten aus hochkarätigen Studien stützen sollte. Denn diese bieten für viele Fragen der täglichen Praxis keine Antworten.