Pressekonferenz 2015

Prof. Dr. Gerhard K. Lang

Nach der Kataraktoperation wieder sehen wie in der Jugend

Was ist möglich?

Das Auge wird häufig mit einem Fotoapparat verglichen. Die Linse entspricht in dieser Analogie dem Objektiv, die Iris der Blende und die Netzhaut im Augenhintergrund dem Film oder, in der digitalen Variante, dem Chip. Doch Vergleiche hinken nun einmal und während Fotoapparate heute Konsumgüter sind, die spätestens nach ein paar Jahren ausgetauscht werden, bleiben unsere Augen hoffentlich ein Leben lang unsere wichtigsten Sinnesorgane. Dabei unterliegen sie Alterungsprozessen, die im Laufe der Zeit die Sehkraft mindern. Zu den sehr häufigen Alterserscheinungen gehört die Trübung der Linse, der Graue Star (die Katarakt). Bis jetzt gibt es keine konservativen, also nicht operativen Mittel, um eine Katarakt zu verhindern, zu verzögern oder die Trübung rückgängig zu machen. Die einzige Möglichkeit für die Patienten wieder besser zu sehen, ist die Operation, bei der die trüb gewordene Linse gegen ein Kunststoffimplantat ausgetauscht wird. Doch, um noch einmal die Analogie zur Kamera zu bemühen: Wenn ein topmodernes Objektiv in eine Kamera eingebaut wird, die bereits seit gut 70 Jahren in Gebrauch ist, wird sie anschließend dennoch nicht in jedem Fall „wie neu“ sein.

650.000 bis 800.000 Kataraktoperationen pro Jahr in Deutschland

Die Kataraktoperation ist die häufigste Operation überhaupt, in Deutschland wird sie pro Jahr 650.000 bis 800.000 Mal ausgeführt. Die Tendenz ist steigend, denn aufgrund der demographischen Entwicklung wird die Zahl der Senioren in den nächsten Jahren kontinuierlich steigen und damit auch die Zahl derjenigen, die von der Katarakt betroffen sind.

Wann soll operiert werden?

Den geeigneten Zeitpunkt für die Operation legen Augenarzt und Patient gemeinsam fest. Ausschlaggebend ist, wie sehr die Linsentrübung die Lebensqualität beeinträchtigt. Wenn beispielsweise das Autofahren, vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen, nicht mehr möglich ist, entscheiden sich viele Patienten für den Eingriff. Noch vor einigen Jahrzehnten erforderten die Operationstechniken, dass die Katarakt „reif“ wurde und die Linse eine gewisse Härte erreichte. Das spielt bei den modernen Operationsmethoden keine Rolle mehr.
Dank hoher technischer Standards, bestens geschulter Operationsteams, ausgereifter Instrumente und biokompatibler Implantate ist der Eingriff sehr sicher. Er wird in der Regel ambulant ausgeführt, das heißt, die Patienten können nur wenige Stunden nach dem Eingriff wieder nach Hause zurückkehren.

Für jedes Auge die passende Kunstlinse

Vor dem Eingriff wird das Auge mit präzisen Methoden vermessen und die notwendige Stärke der Intraokularlinse (IOL) berechnet. In den allermeisten Fällen kann so die gewünschte Refraktion für die Ferne oder die Nähe und eine sehr gute Sehschärfe erreicht werden. Die medizinischen und technischen Möglichkeiten sind heute so ausgereift, dass die Ansprüche an die Kataraktchirurgie und die Erwartungen an das Ergebnis sehr hoch sind.
95% der Patienten erhalten heute eine monofokale IOL, mit der scharfes Sehen in einem Bereich – entweder in der Ferne oder in der Nähe – möglich ist. Sogenannte Premium-IOL bieten einigen Patienten einen zusätzlichen Nutzen: 32% der Patienten entscheiden sich für monofokale IOL mit einer asphärischen Optik, die ein verbessertes Kontrastsehen ermöglicht. 23% wählen eine monofokale IOL, die zusätzlich zum standardmäßig vorhandenen UV-Schutz mit einem Blaulichtfilter ausgestattet ist.
Für 2,3% der Patienten sind torische IOL eine Möglichkeit, einen durch eine Hornhautverkrümmung verursachten Astigmatismus (Stabsichtigkeit) auszugleichen.
1,9% der Patienten entscheiden sich heute für Multifokallinsen, um nicht nur den Grauen Star, sondern auch die Presbyopie (Alterssichtigkeit) auszugleichen. Die Alterssichtigkeit entwickelt sich meist im fünften Lebensjahrzehnt, wenn das Auge die Fähigkeit verliert, sich auf unterschiedliche Entfernungen einzustellen. Für scharfes Sehen auf kurze Entfernung, etwa zum Lesen, ist dann eine Sehhilfe nötig. Multifokale IOL verteilen das einfallende Licht auf zwei oder drei Brennpunkte für Fern-, (Intermediär-) und Nahsicht und ermöglichen so nach einer gewissen Eingewöhnungszeit eine weitgehende oder komplette Unabhängigkeit von der Brille.
Sogar eine Kombination aus torischer und multifokaler Optik ist bei modernen IOL möglich, so dass für jeden Patienten die individuell optimale Lösung gefunden werden kann. Ist also ein „Sehen wie in der Jugend“ tatsächlich möglich?

Wird der Eingriff erfolgreich sein?

Für den Patienten stellt sich vor dem Eingriff vor allem die Frage: „Werde ich nachher besser sehen?“ Deshalb ist von großer Bedeutung, dass der Augenarzt vorab mit ihm über seine Erwartungen und Anforderungen an das Sehen gesprochen hat und geprüft hat, ob neben der Katarakt noch andere Augenkrankheiten das postoperative Sehvermögen einschränken können.
Es ist falsch, überzogene Hoffnungen zu wecken. Zunächst wird der Operateur also genau hinhören, um zu erfahren, welche Ansprüche der Patient für die Zeit nach der Kataraktoperation hat. Will er beispielsweise Sport treiben und benötigt dafür eine möglichst gute Fernsicht oder steht für ihn vielleicht eher Lesen und die Beschäftigung am Computer im Vordergrund?
Im nächsten Schritt gilt es, die Augen genau zu untersuchen und festzustellen, ob und welche anderen Krankheiten hinzukommen. Dies ist gerade im höheren Alter nicht selten der Fall. Möglicherweise hat ein Glaukom bereits den Sehnerv geschädigt oder eine Makuladegeneration schwächt die Sehkraft – bei einem Viertel der 65-Jährigen lassen sich bereits Anzeichen einer Makuladegeneration feststellen. Auch seltenere Krankheiten wie eine Netzhautablösung, eine Entzündung im Augeninneren (Uveitis) oder ein Schwund des Sehnervs (Optikusatrophie) sollten ausgeschlossen werden. Bei manchen Patienten sind auch die Fasern geschwächt, mit denen die Linse im Auge verankert ist. Das erschwert wiederum die Implantation einer IOL.
Die Ergebnisse der Voruntersuchung erlauben eine Einschätzung, wie realistisch die Chancen sind, den Wunsch des Patienten zu erfüllen. Um Enttäuschungen zu vermeiden, sollten diese Erfolgsaussichten ehrlich besprochen werden. Liegt beispielsweise eine Makuladegeneration vor, aufgrund derer der Patient nicht mehr lesen kann, dann wird er nach der Kataraktoperation zwar alles klarer und deutlicher sehen – aber lesen wird er auch dann nicht können.
Ein „Sehen wie in der Jugend“ ist also nicht bei jedem Patienten möglich. Doch wenn das Auge mit Ausnahme der Katarakt gesund ist und die Netzhaut noch keine altersbedingten Schäden aufweist, dann ermöglicht die Kataraktchirurgie tatsächlich eine vollständige visuelle Rehabilitation. Mehr noch: Patienten, die ihr Leben lang wegen einer Hornhautverkrümmung eine Brille tragen mussten, können nach der Implantation einer torischen IOL vielleicht sogar besser sehen als in der Jugend.

Der Operationsablauf

Das Standardverfahren der Kataraktchirurgie ist heute die Phakoemulsifikation. Für den Eingriff genügt bei den meisten Patienten eine lokale Betäubung. Durch einen feinen Schnitt in die Hornhaut, der in der Regel nur 2 bis 3 mm breit ist, wird das Auge eröffnet. Dann wird zunächst mit einer Pinzette die Linsenkapsel, eine Membran, die den Linsenkern umgibt, kreisförmig eröffnet. Anschließend zertrümmert der Operateur mit Hilfe von Ultraschallenergie den Linsenkern und saugt die Bruchstücke durch eine Hohlnadel ab. Die Kapsel bleibt erhalten, in diese wird anschließend die Kunstlinse implantiert. Moderne IOL bestehen aus flexiblen Materialien, die gerollt ins Auge injiziert werden und sich dann in der Kapsel kontrolliert entfalten. Die Schnitte, mit denen das Auge für diesen Eingriff eröffnet wurde, müssen normalerweise nicht genäht werden, sie verschließen sich von selbst.
Nach der Operation erhält der Patient Augentropfen, um Komplikationen wie Entzündungen oder Infektionen zu vermeiden. Schon wenige Tage nach dem Eingriff bessert sich das Sehvermögen spürbar.

Die Zukunft der Kataraktoperation

Angesichts der hohen Sicherheit der Kataraktoperation ist damit zu rechnen, dass der Eingriff immer früher und damit auch bei jüngeren Patienten ausgeführt wird.
Eine neue Entwicklung in der Kataraktchirurgie ist der Einsatz des Femtosekundenlasers. Er wird genutzt, um die Hornhautschnitte zu setzen, die Linsenkapsel zu eröffnen und den Linsenkern in grobe Stücke aufzubrechen. Anschließend muss weniger Ultraschallenergie aufgewandt werden. Die neue Technologie kann möglicherweise dazu beitragen, dass kritische Operationsschritte weiter standardisiert und damit sicherer werden. Dieser Laser kann zudem Schnitte ausführen, die einen Astigmatismus (Hornhautverkrümmung) korrigieren.
Die Entwicklung der Kunstlinsen wird ständig fortgesetzt. Das Angebot an torischen, multifokalen und multifokal-torischen IOL wächst. So werden diese Innovationen voraussichtlich die Möglichkeiten verbessern, die Brechkraft (Refraktion) des Auges zu beeinflussen, so dass nicht nur die Katarakt geheilt, sondern auch eine Fehlsichtigkeit ausgeglichen wird.

Fazit

Die moderne Kataraktchirurgie in Verbindung mit der Kunstlinsentechnologie ist eine Erfolgsgeschichte. Augenärzte können den Grauen Star mit einem wenig belastenden und sicheren Eingriff heilen. Die Patienten, deren Sehvermögen unter der altersbedingten Linsentrübung gelitten hat, erleben innerhalb kurzer Zeit eine deutliche Besserung des Sehvermögens. Darüber hinaus können Fehlsichtigkeiten behoben werden und der Wunsch, von der Brille unabhängig zu sein, lässt sich berücksichtigen. Ein „Sehen wir in der Jugend“ ist aber nicht für jeden Patienten möglich, denn andere Augenkrankheiten, die die Sehkraft schwächen, bestehen auch nach der Kataraktoperation weiter.
Trotz der Standardisierung einiger Abläufe ist eine Kataraktoperation keine Routine. Jede Staroperation muss für jeden Patienten individuell geplant und besprochen werden. Insbesondere ist die Auswahl der für den Patienten optimal passenden IOL wichtig. Das Alter, die allgemeine Gesundheit der Augen sowie die Wünsche und Erwartungen des Patienten spielen dabei eine Rolle. Nicht alles, was heute technisch möglich ist, ist für jeden Patienten sinnvoll.

Prof. Dr. med. Gerhard K. Lang
Universitäts-Augenklinik Ulm
Prittwitzstr. 43
89075 Ulm
sekretariat.augenklinik@uniklinik-ulm.de

Quellen:
Abbildungen:


Abbildung 1: Bei der Kataraktoperation wird mit einer feinen Pinzette zunächst die Linsenkapsel kreisrund eröffnet.
Bildquelle: Gerhard K. Lang: Augenheilkunde, 5. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart – New York 2014


Abbildung 2: Im nächsten Schritt wird der Linsenkern mit Ultraschallenergie zerkleinert und anschließend abgesaugt.
Bildquelle: Gerhard K. Lang: Augenheilkunde, 5. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart – New York 2014


Abbildung 3: Moderne Intraokularlinsen bestehen aus einem biegsamen Kunststoff. Sie lassen sich falten, so dass sie durch kleine Hornhautschnitte ins Auge implantiert werden können. Bildquelle: Gerhard K. Lang: Augenheilkunde, 5. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart – New York 2014


Abbildung 4: Eine torische Multifokallinse nach der Implantation: Bei der Untersuchung an der Spaltlampe lässt sich der korrekte Sitz im Auge genau kontrollieren. Bildquelle: Gerhard K. Lang: Augenheilkunde, 5. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart – New York 2014