Pressekonferenz 2011

Pfeiffer

"Leben und nicht sehen, das ist ein Unglück"*

Sehen können erscheint den meisten Menschen als selbstverständlich. Der Verlust des Sehvermögens bedeutet gleichzeitig Verlust an Lebensqualität. Dennoch wird der Wert des Sehens oft verkannt. Die Bedeutung von Sehbehinderung und Erblindung wird häufig nur anhand der dadurch verursachten volkswirtschaftlichen Kosten bewertet. Das subjektive Empfinden der Patienten bleibt außen vor. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine Krankheit, infolge derer der Visus unter 0,05 sinkt, vom Betroffenen als ähnlich schlimm eingeschätzt wird wie der Zustand nach einem Schlaganfall, nach dem man bettlägerig ist. Insbesondere Einbußen bei der Mobilität und der Fähigkeit zu lesen sind gravierende Einschnitte.

Über das tatsächliche Ausmaß von Sehbehinderung und Blindheit in Deutschland gibt es lediglich Schätzungen, denen zufolge 145.000 bis 164.000 blinde Menschen und 500.000 bis 1,066 Millionen Menschen mit Sehbehinderungen in Deutschland leben. Ein nationales Register zu dieser Thematik fehlt bisher.

Es ist zu erwarten, dass Blindheit und Sehbehinderung in unserer alternden Gesellschaft zunehmen werden. Im Jahr 2060 wird in Deutschland jeder Dritte über 65 Jahre alt sein und 14 Prozent aller Menschen werden älter als 80 Jahre sein. Ältere Menschen sind besonders häufig von Augenkrankheiten betroffen, die das Sehvermögen bedrohen. Erblindeten 2010 etwa 4.400 Menschen aufgrund einer Altersabhängigen Makuladegeneration (AMD), so lautet die Prognose für 2030 schon 6055 Neuerblindungen. Durch diabetische Augenkrankheiten verloren 2010 etwa 1.700 Menschen ihr Augenlicht, 2030 werden es wohl 2.171 sein. Die Neuerblindungen durch Glaukom werden voraussichtlich von fast 1.500 auf mehr als 2.000 steigen.

Augenärzte in Deutschland wollen und können diesen drohenden Anstieg bremsen und dafür sorgen, dass Menschen ihr Sehvermögen und damit ihre Lebensqualität bewahren. Therapien in der Augenheilkunde sind gemessen an der gewonnenen Lebensqualität sehr kosteneffektiv. Angesichts der finanziellen Ausstattung des Fachgebiets bietet die Deutsche Augenheilkunde eine effektive Versorgung. Um dem zu erwartenden Anstieg altersabhängiger Augenkrankheiten erfolgreich zu begegnen, sind jedoch verstärkte Anstrengungen sowohl in der Wissenschaft als auch in der Versorgung und Vorsorge notwendig.

Zur Zeit ist die ophthalmologische Forschung in Deutschland an 37 Universitätsstandorten in 35 Städten beheimatet. Hinzu kommen Institutionen der Grundlagenforschung sowie Einrichtungen der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie. Auch an 62 städtischen Augenkliniken, weiteren Augenabteilungen und in der ambulanten Versorgung findet Forschung statt. Eine zentrale Koordinierung und Förderung der Forschungsvorhaben in Deutschland fehlt jedoch.

Die öffentliche Forschungsförderung in Deutschland stagniert, teilweise zeichnet sich sogar ein rückläufiger Trend ab. Trotz allem ist angesichts einer Gesamtfördersumme in Höhe von zehn bis zwölf Millionen Euro die ophthalmologische Forschung in Deutschland sehr erfolgreich: Bei den wissenschaftlichen Publikationen stehen wir mit einem Anteil von fast zehn Prozent weltweit an zweiter Stelle hinter den USA.


*In Schillers "Wilhelm Tell" sagt Arnold von Melchthal "Sterben ist nichts - doch leben und nicht sehen, das ist ein Unglück!" Dieses Unglück wollen die Augenärzte in Deutschland den Menschen ersparen.