Pressekonferenz 2011

Pfeiffer

Der Stellenwert guten Sehens

Wie wichtig ist uns unser Augenlicht? Was tun wir, um es zu erhalten?

Sehen können erscheint den meisten Menschen als selbstverständlich. Nur selten und höchst ungern stellen wir uns vor, wie es wäre auf diesen Sinn zu verzichten. Nicht mehr lesen können, im Straßenverkehr auf fremde Hilfe angewiesen sein, im Supermarkt ratlos vor den Regalen stehen - ein Alptraum für alle, deren Augen gesund sind. Und doch wird der Wert des Sehens oft verkannt.

Die gesetzliche Krankenversicherung sieht keine Früherkennungsuntersuchungen für Augenkrankheiten vor, dank derer die Sehkraft bis ins hohe Alter erhalten werden kann. Sehbehinderung und Erblindung werden vor allem anhand der volkswirtschaftlichen Kosten, die sie verursachen, bewertet. Das subjektive Empfinden der Patienten bleibt bei einer solchen Betrachtung außen vor. Sogar Augenärzte unterschätzen oft, wie gravierend sich ein Sehverlust auf die Lebensqualität der Betroffenen auswirkt.

"Die Seele muss nun einmal durch diese Augen sehen..."

Herrmann Helmholtz, dem Erfinder des Augenspiegels, war der hohe Stellenwert des Sehens bewusst: "Unter allen Sinnen des Menschen ist das Auge immer als das lieblichste Geschenk und als das wunderbarste Erzeugnis der bildenden Naturkraft betrachtet worden. Dichter haben es besungen, Redner gefeiert, Philosophen haben es als Maßstab für die Leistungsfähigkeit organischer Kraft gepriesen und Physiker haben es als das unübertreffliche Vorbild optischer Apparate nachzuahmen versucht. Als der härteste Verlust - nächst dem des Lebens - erscheint uns der Verlust des Augenlichtes." Johann Wolfgang Goethe, wies 1770 in einem Brief auf die Auswirkungen eines Sehverlusts auf die Psyche hin: "Die Seele muss nun einmal durch diese Augen sehen, und wenn sie trüb sind, so ist's in der ganzen Welt Regenwetter."

Augenkrankheiten wiegen schwer

Natürlich können auch blinde und sehbehinderte Menschen ein selbstbestimmtes, glückliches Leben führen. Doch wissenschaftliche Vergleiche zeigen, dass Augenkrankheiten schwerer wiegen als viele andere Erkrankungen und dass sie die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Eine Altersabhängige Makuladegeneration (AMD) mit einem Visus von unter 0,05 - die Patienten sehen nur noch schemenhaft - wird als ähnlich gravierend eingeschätzt wie der Zustand nach einem Schlaganfall mit Lähmungen an Armen und Beinen. Bleibt den Patienten noch ein Visus von 0,2 bis 0,3, dann ist ihre Lebensqualität so eingeschränkt wie die von Patienten mit einer schweren Angina pectoris.

Wie wenig Bedeutung unsere Gesellschaft als Ganzes der Bedeutung des Augenlichts beimisst, lässt sich unter anderem daran ablesen, wie wenig über das tatsächliche Ausmaß von Sehbehinderung und Blindheit in Deutschland bekannt ist und wie streng die Grenzwerte bemessen sind. In Deutschland gilt als blind, wessen Visus den Wert von 0,02 nicht übersteigt. Mit einem Sehrest zwischen 0,02 und 0,05 ist man "hochgradig sehbehindert"; ein Visus von 0,3 ist der obere Grenzwert für eine Sehbehinderung. Damit ist die Definition von Blindheit in Deutschland strenger als in anderen Ländern - beispielsweise in den USA, in Dänemark und der Schweiz liegt der Grenzwert für Blindheit bei einem Visus von 0,1.

Wie viele Menschen in Deutschland blind oder sehbehindert sind, darüber gibt es lediglich Schätzungen. Die Schwerbehindertenstatistik des Statistischen Bundesamtes meldete für 2003 rund 130.000 Blinde und hochgradig Sehbehinderte - doch nicht alle Betroffenen haben einen Schwerbehindertenausweis, die Dunkelziffer ist hoch. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband geht dagegen von mindestens 145.000 Blinden und 500.000 Sehbehinderten aus. Aus Zahlen des WHO-Reports für Europa aus dem Jahr 2002 ergeben sich deutlich höhere Zahlen. Dieser Hochrechnung zufolge gab es in Deutschland im Jahr 2002 164.000 Menschen, die laut WHO-Kriterien (Visus unter 0,05) blind waren, außerdem 1.066.000 Sehbehinderte.

Ein nationales Register zur Situation blinder und sehbehinderter Menschen, das hier Klarheit schafft, fehlt bisher in Deutschland.

Blindheit und Sehbehinderung werden zunehmen

Angesichts der demographischen Entwicklung ist zu befürchten, dass in den nächsten Jahren immer mehr Menschen von Blindheit und Sehbehinderung betroffen sein werden. Die Zahl alter Menschen wird steigen. Im Jahr 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein, der Anteil der über 80-Jährigen wird bei 14 Prozent liegen (Abbildung 1). Die Augenkrankheiten, die für die meisten Erblindungen verantwortlich sind, werden mit zunehmendem Alter häufiger: Das Glaukom (Grüner Star), die Altersabhängige Makuladegeneration (AMD) und die diabetische Retinopathie (Abbildung 2). 2010 sind etwa 4.400 Menschen aufgrund einer AMD erblindet, 1.700 Menschen an einer diabetischen Augenkrankheit und fast 1.500 Menschen am Glaukom. Die Prognose für 2030 lautet: 6.055 Neuerblindungen durch AMD, 2.171 infolge diabetischer Retinopathie und 2.007 wegen Glaukom (Abbildung 3).

Bis 2030 wird es voraussichtlich ein Drittel mehr blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland geben als heute, pro 100.000 Einwohner werden es schätzungsweise 219 sein. Schon heute kosten Blindheit und Sehbehinderung die deutsche Volkswirtschaft etwa 45 Millionen Euro jährlich für die medizinische und soziale Versorgung. Die indirekten Kosten etwa für Blindengeld, Erwerbsunfähigkeit, Pflege etc. sind hier noch gar nicht berücksichtigt - sie übersteigen die direkten Kosten um ein Vielfaches und betragen mehr als 9,2 Milliarden Euro.

Den Anstieg bekämpfen

Augenärzte in Deutschland wollen und können dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen möglichst lange ihr Augenlicht und damit ihre Lebensqualität bewahren. Dafür sind einerseits wissenschaftliche Forschungsprojekte wichtig, um die Krankheitsursachen besser zu verstehen und neue Behandlungsmethoden zu entwickeln. Andererseits ist eine flächendeckende augenärztliche Versorgung für die Bevölkerung unverzichtbar. Blindheit und Sehbehinderung sind kein unabwendbares Schicksal - die Krankheiten, von denen hier die Rede ist, sind meist gut behandelbar. Die Augenheilkunde ist ein Fach von großer Innovationskraft - die Behandlungsmöglichkeiten werden immer wirkungsvoller.

Gemessen an der gewonnenen Lebensqualität sind Therapien in der Augenheilkunde sogar als sehr kosteneffektiv zu betrachten. Besonders gut ist das Verhältnis von Kosten und Nutzen bei der Behandlung von Kindern - beispielsweise wenn die Netzhaut Frühgeborener dank einer Lasertherapie vor einer Ablösung bewahrt wird. Denn diese Kinder profitieren ihr Leben lang vom Erhalt ihrer Sehkraft.

Auch die Behandlung einer Amblyopie (Sehschwäche) bei Kindern ist ausgesprochen kosteneffektiv. Unbestritten ist aber auch das günstige Kosten-Nutzen-Verhältnis bei Therapien im höheren Alter wie etwa der Kataraktoperation oder einer Hornhauttransplantation.

Die Augenheilkunde in Deutschland bietet den Patienten gemessen an der finanziellen Ausstattung des Fachgebiets eine effektive Versorgung. 1,9 Milliarden Euro bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen für die ambulante und stationäre augenärztliche Versorgung, hinzu kommen 0,7 Milliarden für IGeL und die Behandlung Privatversicherter. Für Sehhilfen wie Brillen und Kontaktlinsen, die nicht mehr von den Kassen erstattet werden, zahlen die Menschen in Deutschland 4,8 Milliarden Euro. Doch auch die beste Sehhilfe hilft nichts, wenn ein Glaukom den Sehnerv beziehungsweise eine AMD oder ein diabetisches Makulaödem die Makula zerstört hat. Um dem zu erwartenden Anstieg altersabhängiger Augenkrankheiten erfolgreich zu begegnen sind daher verstärkte Anstrengungen sowohl in der Wissenschaft als auch in der Grundversorgung notwendig.

Die ophthalmologische Forschung stärken

Bislang fehlt in Deutschland ein zentrales Institut für ophthalmologische Forschung wie in anderen Staaten, zum Beispiel in den USA (National Eye Institute). In Deutschland ist die ophthalmologische Forschung verteilt auf 37 Universitätsstandorte in 35 Städten, Institutionen der Grundlagenforschung (wie die Max Planck Institute) sowie Einrichtungen der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie. Auch an den 62 städtischen Augenkliniken, weiteren Augenabteilungen und in der ambulanten Versorgung findet Forschung statt. Doch es gibt keine zentrale Förderung und Koordinierung der Forschungsvorhaben.

Die öffentliche Forschungsförderung in Deutschland stagniert, teilweise ist sogar ein rückläufiger Trend zu bemerken. Trotz der vergleichsweise geringen Fördermittel - pro Jahr ist von einer Gesamtfördersumme in Höhe von zehn bis zwölf Millionen Euro auszugehen - ist die ophthalmologische Forschung in Deutschland überaus erfolgreich. Das zeigt die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen; hier steht Deutschland mit einem Anteil von fast zehn Prozent weltweit an zweiter Stelle hinter den USA.

Friedrich Schiller legt im WilhelmTell dem Arnold vom Melchthal folgende Worte in den Mund: "Sterben ist nichts - doch leben und nicht sehen, das ist ein Unglück!" Die Augenärzte in Deutschland setzen alles daran, dass möglichst wenige Menschen davon betroffen sind.

Umfangreiche Informationen zu diesem Thema hat die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft in einem "Weißbuch zur Situation der ophthalmologischen Forschung in Deutschland" zusammengefasst, das im Internet zu finden ist:

www.dog.org/wp-content/uploads/2009/12/DOG_Weissbuch_2008.pdf

Prof. Dr. med. Norbert Pfeiffer
Universitätsaugenklinik Mainz
Langenbeckstr. 1
D-55131 Mainz
Tel.: (0 61 31) 17 70 85
Fax: (0 61 31) 17 66 20
E-Mail:Pfeiffer@augen.klinik.uni-mainz.de













Abb. 1:
Entwicklung der Bevölkerung nach Altersgruppen. Quelle: Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Statistisches Bundesamt 2009







Abb. 2:
Hauptursachen für Blindheit in Deutschland. Quelle: Trautner C, Haastert B, Richter B, Berger M, Giani G (2003) Incidence of blindness in southern Germany due to glaucoma and degenerative conditions. Invest Ophthalmol Vis Sci 44:1031-1034.







Abb. 3:
Anzahl der Neuerblindungen pro Jahr durch AMD, Glaukom und diabetische Retinopathie für 2003 und prognostiziert bis 2030. Quelle: Knauer C, Pfeiffer N (2006) Erblindung in Deutschland - heute und 2030, Der Ophthalmologe (6), 103: 735-741.