Pressekonferenz 2009

Kampik, Bertram

Die Kluft zwischen „notwendig“ und „optimal“ wächst

Das Motto der 10. Augenärztlichen Akademie Deutschland (AAD) „Im Spannungsfeld zwischen notwendiger und optimaler Versorgung“ macht das Dilemma deutlich, in dem sich Augenärzte in Deutschland befinden: Medizinischen Fortschritten stehen immer knappere Budgets für die augenärztliche Versorgung gegenüber.

Die Entwicklung der letzten zehn Jahre: Zu den medizinischen Fortschritten der vergangenen zehn Jahre gehört insbesondere die Weiterentwicklung der Kataraktchirurgie. Eine zuvor bestehende Fehlsichtigkeit kann heute bei der Operation mit hoher Zielgenauigkeit behoben werden. Mit multifokalen Intraokularlinsen können die Patienten unter bestimmten Voraussetzungen sowohl in der Nähe als auch in der Ferne gut sehen. Entscheidet sich ein Patient für diese innovative Möglichkeit, muss er die Kosten für die Linse und die Operation allerdings selbst bezahlen.
In der gesetzlichen Krankenversicherung gilt in weiten Bereichen bis heute das Sachleistungsprinzip: Der Versicherte nimmt die medizinischen Leistungen in Anspruch, ohne eine Rechnung zu erhalten. Diesem System fehlt Transparenz, was zum Kostenanstieg beiträgt. Der Arzt wiederum ist sowohl bei seinen Leistungen als auch bei den verordneten Medikamenten an enge Budgets gebunden. Er muss entscheiden, welchem Patienten er eine Behandlung zubilligt und welchem er sie vorenthält – eine große Belastung für das Arzt-Patienten-Verhältnis.

Die Situation heute: Neue Untersuchungsmethoden und neue Medikamente haben die Möglichkeiten der Augenärzte vor allem in der Behandlung von Sehnerven- und Netzhauterkrankungen erheblich erweitert. Die wichtigsten Ursachen für Blindheit in Deutschland, das Glaukom, die Altersabhängige Makuladegeneration (AMD) und die diabetische Retinopathie lassen sich schon sehr früh erkennen, so kann die Behandlung früher und zielgerichtet einsetzen. Neue Medikamente, die direkt ins Auge gespritzt werden, haben die Behandlungsmöglichkeiten der AMD einen entscheidenden Schritt vorwärts gebracht.
Die Kluft zwischen „optimaler“ und „notwendiger“ Versorgung ist dadurch noch breiter geworden. Außer innovativen Medikamenten werden seit Jahren so gut wie keine neuen Leistungen der augenärztlichen Versorgung in den Katalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Diese innovativen Leistungen muss der Augenarzt dem Patienten daher entweder als durch ihn zu bezahlende Individuelle Gesundheitsleistung anbieten oder sie ihm vorenthalten. Das Honorar für die augenärztliche Grundversorgung sinkt dagegen immer weiter, es deckt vielfach kaum mehr die Praxiskosten.

Ausblick: Auch in der Zukunft wird es Augenärzten gelingen, mit innovativen Entwicklungen Blindheit zu verhüten. Die ersten Prototypen von Netzhautimplantaten haben ihre Funktionsfähigkeit unter Beweis gestellt, und auch die Gentherapie von Netzhautkrankheiten zeigt erste Erfolge.
Die Zukunft der augenärztlichen Versorgung in Deutschland ist dagegen in Frage gestellt: Eine Augenarztpraxis freiberuflich zu führen, wird bei sinkenden Einkommen und sich häufig ändernden Rahmenbedingungen zum schwer kalkulierbaren wirtschaftlichen Risiko. Gesundheitspolitiker setzen auf Medizinische Versorgungszentren mit angestellten Ärzten als Zukunftsmodell. Doch in Einrichtungen, die gewinnorientiert arbeiten müssen, bestimmen nicht mehr Augenärzte, was medizinisch erforderlich ist. Immer weiter öffnet sich die Schere zwischen „optimaler“ und „notwendiger“ Versorgung – vor allem zu Lasten der Patienten.