Pressekonferenz 2008

Pfeiffer

Glaukom: die Augenkrankheit, nach der man fahnden muss

Der 6. März 2008 wird zum ersten Weltglaukomtag erklärt. Die Initiative geht von zwei großen Organisationen in den USA aus, der World Glaucoma Association (WGA) und der World Glaucoma Patient Association (WGPA). Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA), die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG), gemeinnützige Vereinigungen wie der Initiativkreis Glaukomfrüherkennung e.V. und Patienten-Selbsthilfegruppen begrüßen die Einführung des Weltglaukomtages. Er soll dazu beitragen, eine höhere Aufmerksamkeit für die Gefahren des Glaukoms zu erreichen und für Maßnahmen, die davor bewahren, am Glaukom zu erblinden. Gleichzeitig muss sich das Krankheitsbild Glaukom (Grüner Star) in der Öffentlichkeit neu darstellen – befreit von medizinisch überholten Vorstellungen und erweitert durch die Erkenntnisse mehrerer erst kürzlich abgeschlossener Studien.

Das Glaukom ist weltweit die häufigste Ursache irreversibler Erblindung. In zwei Jahren, also 2010 werden schätzungsweise 60,5 Millionen Menschen am Glaukom erkrankt und 8,4 Millionen Menschen daran erblindet sein. Zehn Jahre später wird es voraussichtlich bereits 79,6 Millionen Glaukomkranke geben und 11,2 Millionen am Glaukom Erblindete. Zwar führt die Katarakt, der Graue Star, noch häufiger zum Verlust des Augenlichts, doch bei dieser Krankheit kann es durch eine Operation wieder hergestellt werden. Das durch ein Glaukom verlorene Sehvermögen lässt sich nicht zurückgewinnen, aber heute ist die Augenheilkunde in der Lage, es gar nicht erst zu glaukombedingten Seheinbußen kommen zu lassen – vorausgesetzt das Glaukom wird erkannt, bevor es Symptome zeigt.

Das Tückische am Glaukom ist seine Unauffälligkeit. Langsam sterben die Zellen des Sehnervs ab, beginnend am äußeren Rand. Der Betroffene nimmt die damit verbundenen Gesichtsfeldausfälle erst wahr, wenn sie auch im Bereich der zentralen Sehschärfe auftreten und die Erblindung kurz bevorsteht. Darum muss man nach dieser Krankheit fahnden. Sehen oder nicht mehr sehen können, das hängt heute allein davon ab, wann ein Glaukom diagnostiziert und behandelt wird. Seit langem leisten Augenärzte und Patientenorganisationen mit Unterstützung der Medien intensiv Aufklärungsarbeit, aber die steigenden Zahlen der am Glaukom erblindeten Menschen zeigen, dass sie weiter verstärkt werden muss. Aus diesem Grund wurde der Weltglaukomtag ins Leben gerufen. Er soll von nun an Jahr für Jahr am 6. März einen aktuellen Anlass bieten, mit Informationen und Aktionen das Bewusstsein der Menschen für die Gefahren des Glaukoms zu schärfen, denen jeder von ihnen in der zweiten Lebenshälfte ausgesetzt ist, und über die Möglichkeiten der Vorsorge aufzuklären.

800.000 Glaukomkranke in Deutschland

Auch in Deutschland ist das Glaukom eine der häufigsten Erbildungsursachen. Schätzungsweise 800.000 Menschen sind am Glaukom erkrankt, bei rund drei Millionen Menschen besteht ein erhöhter Augeninnendruck, der eine Vorstufe des Glaukoms sein kann. Selbst in den medizinisch gut versorgten Industrienationen muss man davon ausgehen, dass nur die Hälfte aller Glaukome behandelt wird, weil 50 Prozent der Betroffenen nichts von ihrer Krankheit wissen und daher keinen Augenarzt aufsuchen.

Das Risiko, ein chronisches Offenwinkelglaukom zu entwickeln, steigt mit zunehmendem Lebensalter. Es tritt einschließlich seiner Vorstufen bei gut 2,4 Prozent aller Personen ab dem 40. Lebensjahr auf. Jenseits des 75. Lebensjahres liegt die Häufigkeit bereits zwischen 7 und 8 Prozent, jenseits des 80. Lebensjahres bei 10 bis15 Prozent. Daraus folgt, dass regelmäßige augenärztliche Vorsorgeuntersuchungen spätestens mit dem 40. Lebensjahr beginnen sollten.

Neben einem erhöhten Augeninnendruck, den der Sehnerv nicht toleriert, und einer unzureichenden Blutversorgung der Sehnervzellen gibt es jedoch noch weitere Risikofaktoren, die es erforderlich machen können, bereits einige Jahre früher Glaukomvorsorge zu betreiben. Dazu zählen genetische Veranlagung, höhere Myopie ab 5 Dioptrien und schwarze Hautfarbe.

Erweiterte Erkenntnisse zeigen ein neues Krankheitsbild

Unter der Bezeichnung Glaukom wird eine Gruppe komplexer Erkrankungen mit verschiedenen Ausprägungen zusammengefasst. Die am meisten verbreitete Form ist das primäre Offenwinkelglaukom, das in zwei etwa gleich häufig vorkommenden Varianten auftritt: als Hochdruckglaukom mit erhöhtem Augeninnendruck und als Normaldruckglaukom. Zwischen ihnen sind die Übergänge fließend, ein Normaldruckglaukom muss sich jedoch nicht zwingend zu einem Hochdruckglaukom entwickeln.

Die Höhe des Augeninnendrucks, die in der Öffentlichkeit noch immer als Maßstab dafür angesehen wird, ob ein Glaukom besteht oder nicht, hat heute wissenschaftlich einen anderen Stellenwert. Nach wie vor ist ein „hoher Augeninnendruck“ ein Risikofaktor, aber nur einer von mehreren. Denn einerseits entwickeln rund 80 Prozent aller Patienten mit erhöhtem Augeninnendruck kein Glaukom, andererseits konnte bei bis zu 30 Prozent aller Patienten mit manifestem Glaukomschaden zuvor kein erhöhter Augeninnendruck gemessen werden. Deshalb können die früher als „normal“ geltenden Werte von 15 bis 21 mm Hg nur als Richtgrößen dienen. Auch wenn der Druck in diesem „normalen“ Bereich liegt, kann dies aufgrund der individuellen Empfindlichkeit des Sehnervs im Einzelfall bereits pathologisch erhöht sein, etwa wenn die Blutversorgung des Nervs mangelhaft ist. Das kann beispielsweise bei Menschen mit starken Blutdruckschwankungen der Fall sein oder bei Durchblutungsstörungen der feinsten Blutgefäße.

Das Glaukom wird heute deshalb als multifaktorielle Erkrankung verstanden, bei der insbesondere dem Zusammenspiel von Störungen der Autoregulation und erhöhtem Augeninnendruck eine wichtige Rolle beizumessen ist.

Ausgefeilte Diagnostik

Weil die Krankheit lange Zeit vom Patienten unbemerkt verläuft, ist die Früherkennung von so großer Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um die Messung des Augeninnendrucks, wie immer wieder behauptet wird, denn auch ein „normaler“ Druck bedeutet ja nicht, dass kein Glaukom vorliegt. Für die Beurteilung der Druckwerte spielt auch die Hornhautdicke eine Rolle, die von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein kann. Sie lässt sich mit Hilfe der Pachymetrie bestimmen. Der Augenarzt untersucht zudem das Auge genau: Er betrachtet den Kammerwinkel im vorderen Augenabschnitt und den Augenhintergrund, insbesondere den Sehnervkopf (Papille) auf pathologische Veränderungen hin. Mit dem Verfahren der Perimetrie kann er bei Verdachtsfällen prüfen, ob bereits Gesichtsfeldausfälle vorliegen, die für das Glaukom typisch sind. Moderne Technologien wie die Tomographie des Sehnervkopfes ermöglichen es, schon im ganz frühen Krankheitsstadium Veränderungen zu erkennen – und bei Folgeuntersuchungen dann die weitere Entwicklung zu überwachen. Mit Ultraschallmessungen oder mit computerbasierten Verfahren können Augenärzte auch die Durchblutung der Netzhaut beurteilen. Die Analyse der Nervenfaserschicht gibt Aufschluss über die Dicke dieser Schicht und damit auch Hinweise auf krankhafte Veränderungen. Diese differenzierte Diagnostik erlaubt eine genaue Verlaufskontrolle. Sie ist wesentlich, um die Therapie immer wieder überprüfen und anpassen zu können und um eine größtmögliche Wirkung zu sichern.

Effektive Therapie

Der präzisen und ausgefeilten Diagnostik folgt dann eine stadiengerechte Therapie. Verschiedene effektive Antiglaukomatosa – Augentropfen mit unterschiedlichen Wirkstoffen zur Vermeidung von Glaukomschäden – stehen heute zur Verfügung: Seit langem bewährt sind die Betablocker; eine sehr effektive Drucksenkung ermöglichen die Prostaglandine. Die Substanzklasse der Carboanhydrasehemmer hat neben der Augeninnendruck senkenden Wirkung auch einen positiven Einfluss auf die Durchblutung des hinteren Augenabschnitts. Diese Medikamente werden sowohl in der Mono- als auch in der Kombinationstherapie erfolgreich eingesetzt. Gerät die medikamentöse Therapie an ihre Grenzen, stehen unterschiedliche Lasertherapien wie die Lasertrabekuloplastik und operative Verfahren wie die Trabekulektomie zur Verfügung, die helfen, den Augeninnendruck zu kontrollieren. Die Augenchirurgen arbeiten an immer schonenderen Verfahren, um die Belastung für die Patienten so gering wie möglich zu halten.

Auch wenn in der Diagnose der Augeninnendruck nur einer von mehreren Faktoren ist, setzt die Therapie in der Regel an diesem Punkt an. Eine wirksame Drucksenkung verhindert das Fortschreiten der Krankheit. Glaukompatienten profitieren davon, wenn die Therapie schon in einer frühen Phase der Krankheit einsetzt. Das haben internationale Studien wie das Early Manifest Glaucoma Trial (EMGT) erwiesen. Die Advanced Glaucoma Intervention Study (AGIS) machte deutlich, dass eine effektive Drucksenkung die Progression des Glaukoms nahezu stoppen kann. Dazu ist es allerdings notwendig, dass der Druck konstant unter 18 mm Hg gehalten wird und sogar auf Werte um 12 mm Hg abgesenkt werden kann. Die Studien zeigten aber auch, dass die Drucktoleranz bei den einzelnen Patienten erheblich schwanken kann – für jeden Fall muss die Behandlungsstrategie deshalb individuell abgewogen werden. Die European Glaucoma Prevention Study (EGPS), an der auch die Universitätsaugenklinik Mainz beteiligt war, ermöglicht Augenärzten eine bessere Einschätzung, welche weiteren Risikofaktoren neben einem erhöhten Augeninnendruck für die Entwicklung eines Glaukoms wichtig sind – beispielsweise das Alter und der Zustand der Papille.

Gutenberg Heart and Eye Study

Neue Erkenntnisse verspricht die „Gutenberg Heart and Eye Study“, eine große Querschnittsstudie der Universitätsklinik Mainz, die insgesamt 17.000 Menschen im Alter von 35 bis 74 Jahren einschließen wird. Die Studienteilnehmer werden im Abstand von fünf Jahren zwei Mal umfassend untersucht. Neben Informationen über kardiovaskuläre Risiken und Erkrankungen werden auch detaillierte ophthalmologische Befunde erhoben. Dazu gehören Sehschärfe, Augeninnendruck, zentrale Hornhautdicke, Gesichtsfelduntersuchung, Fundusphotographie und Proben der Tränenflüssigkeit. Das Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und Augenerkrankungen zu erkennen. Die ersten Ergebnisse dieser Studie werden in zehn Jahren vorliegen.

Während die diagnostischen Möglichkeiten immer ausgefeilter werden und die Behandlung des Glaukoms in den allermeisten Fällen die drohende Erblindung verhindern kann, ist der Sinn konsequenter Früherkennungsuntersuchungen in Deutschland immer noch nicht anerkannt. Der Gemeinsame Bundesausschuss lehnt es weiterhin ab, diese Untersuchung in den Katalog der Kassenleistungen aufzunehmen. Und die Augenärzte sehen sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, wenn sie diese medizinisch sinnvolle Vorsorgeuntersuchung ihren Patienten als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) anbieten.

Prof. Dr. Norbert Pfeiffer
Universitätsaugenklinik Mainz
Langenbeckstr. 1
55131 Mainz
Tel.: (0 61 31) 17 70 85
Fax: (0 61 31) 17 66 20
E-Mail: Pfeiffer@augen.klinik.uni-mainz.de

Weitere Informationen zum Thema Glaukom:
www.augeninfo.de/patinfo/glaukom.pdf,
www.augeninfo.de/patinfo/0504gla.pdf und
www.glaukom.de




Abbildungen

Abb. 1

Abb.1: Weltweit machen Augenärzte am 6. März auf die Gefahren des Glaukoms aufmerksam.