Pressekonferenz 2008

Lorenz

Sehen will gelernt sein

Sehen ist ein hochkomplexer Vorgang, bei dem die Augen und das Gehirn beständig große Leistungen vollbringen. Bis dieses Zusammenspiel perfekt funktioniert, bedarf es eines jahrelangen Lernprozesses. Entwicklungsstörungen und Erkrankungen, die in dieser sensiblen Phase den Lernprozess beeinträchtigen, gefährden das Augenlicht des Kindes grundlegend. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, Augenerkrankungen im Kindesalter früh zu erkennen und zu behandeln.

Die Krankheiten, die dem Sehen lernen im Wege stehen können, sind vielfältig. Eine starke Fehlsichtigkeit oder frühkindliches Schielen können dazu führen, dass im Gehirn das Bild des schwächeren Auges unterdrückt wird – das Auge wird schwachsichtig (amblyop). Mit der Amblyopiebehandlung, bei der das „stärkere“ Auge zeitweise abgedeckt wird, verfolgen Augenärzte das Ziel, Schwachsichtigkeit zu vermeiden oder teilweise bis vollständig rückgängig zu machen.

Andere Krankheiten behindern den Weg des Lichts zur Netzhaut. Das kann ein hängendes Oberlid (Ptosis) sein, aber auch eine Trübung der Hornhaut, der Linse (angeborene Katarakt) oder des Glaskörpers. In diesen Fällen ist zu prüfen, ob eine frühzeitige Operation erforderlich ist. Bei einem von 1500 Neugeborenen ist die Augenlinse ein- oder beidseitig so stark getrübt, dass eine Operation bereits in den ersten Lebenswochen notwendig wird. Seltener als die angeborene Katarakt ist das angeborene Glaukom: Bei einem von 12.500 Kindern entwickelt sich während der Schwangerschaft der Kammerwinkel nicht vollständig, so dass das Kammerwasser im Auge nicht ausreichend abfließt. Der erhöhte Augeninnendruck bedroht das Sehvermögen, eine Operation kann das Augenlicht retten.

Eine weitere, zwar noch seltenere, aber lebensbedrohende Krankheit ist das Retinoblastom. Von diesem bösartigen Tumor sind pro Jahr in Deutschland etwa 60 Kinder betroffen (ein Kind von 15.000). Wird der Tumor, der praktisch nur bei bis zu fünfjährigen Kindern auftritt, früh genug erkannt, sind Laserkoagulation, Kryokoagulation (die Therapie mit Kälte) oder Brachytherapie
(Kurzdistanzbestrahlung) Behandlungsoptionen, bei denen der Tumor zerstört wird und das Auge erhalten bleibt. Auch Kombinationen mit einer Chemotherapie können sinnvoll sein. Ist der Tumor schon zu groß, muss das Auge entfernt werden.

Frühgeborene Kinder bedürfen ebenfalls der augenärztlichen Betreuung. Als Folge der Unreife bei der Geburt können sich unkontrolliert Netzhautgefäße bilden, die in den Glaskörper hineinwuchern. Die Frühgeborenen-Retinopathie ist mit dem Risiko einer Netzhautablösung verbunden, die ohne Behandlung zur Erblindung führt. Deshalb überwachen Augenärzte die Netzhaut aller Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche oder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1.500 g geboren wurden. Untersucht werden auch etwas reifere Kinder, wenn sie über mehr als drei Tage mit Sauerstoff beatmet werden mussten.

Die Beobachtungen der Eltern spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Augenerkrankungen bei Kleinkindern rechtzeitig zu erkennen. Der auf Kinderuntersuchungen spezialisierte Augenarzt kann auch schon bei Säuglingen prüfen, ob die Augen in Ordnung sind. Je älter die Kinder werden, desto differenziertere Tests sind möglich. Mit einer früh einsetzenden Therapie kann in vielen Fällen erreicht werden, dass sich das Sehvermögen weitgehend normal entwickelt. Im Falle einer frühkindlichen Augenerkrankung ist meist eine jahre- oder auch jahrzehntelange Begleitung durch den Augenarzt gefragt. Viele dieser Kinder tragen ihr Leben lang ein erhöhtes Risiko, weitere Augenkrankheiten zu entwickeln. Regelmäßige Untersuchungen sind deshalb sinnvoll.