Pressekonferenz 2008

Lorenz

Lernen, die Welt mit eigenen Augen zu sehen

Sehen ist ein hochkomplexer Vorgang, bei dem die Augen und das Gehirn beständig große Leistungen vollbringen. Bis dieses Zusammenspiel perfekt funktioniert, bedarf es eines jahrelangen Lernprozesses. Neugeborene Kinder sehen von ihrer Umwelt nur ein sehr viel gröberes Bild. Erst nach und nach entwickelt sich das Sehvermögen, das wir als Erwachsene für selbstverständlich halten. Entwicklungsstörungen und Erkrankungen, die in dieser sensiblen Phase den Lernprozess beeinträchtigen, gefährden das Augenlicht des Kindes grundlegend. Denn die Fähigkeit, sehen zu lernen, ist auf die ersten Lebensjahre beschränkt. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, Augenerkrankungen im Kindesalter früh zu erkennen und zu behandeln, auch wenn die Mühen für die kleinen Patienten, ihre Eltern und die behandelnden Augenärzte mitunter erheblich sind. Die gemeinsamen Anstrengungen lohnen sich, selbst wenn eine Einschränkung des Sehvermögens bestehen bleiben sollte. Augenärzte tragen dazu bei, dass ihre kleinen Patienten den in einer von visuellen Informationen bestimmten Welt so wichtigen Sehsinn möglichst gut nutzen können.

Weltweit erblinden jedes Jahr etwa 500.000 Kinder. Drei Viertel von ihnen leben in Entwicklungsländern. In der westlichen Welt sind etwa drei von 10.000 Kindern blind, das heißt in Deutschland leben rund 5000 blinde Kinder. In den ärmsten Ländern der Welt sind dagegen 15 von 10.000 Kindern von Blindheit betroffen.

Zusammenspiel von Augen und Gehirn

Die Aufmerksamkeit der Eltern und frühzeitige Untersuchungen beim Augenarzt tragen dazu bei, dass Augen und Gehirn ihr Zusammenspiel ungestört trainieren. Dieses Training beginnt bereits im Mutterleib. Schon ab der 33. Schwangerschaftswoche lassen sich Pupillenreaktionen nachweisen. Zwei bis fünf Monate nach der Geburt ist zu beobachten, dass Säuglinge zum Schutz vor plötzlichen Reizen blinzeln. Sie fixieren Objekte bereits nach zwei Monaten, in diesem Alter folgen die Augen auch einem bewegten Objekt. Nach vier Monaten hat das Auge gelernt, unterschiedlich weit entfernte Objekte scharf abzubilden – es akkommodiert. Das Stereosehen sollte bis zum 7. Lebensmonat ausgebildet sein, auch die Kontrastempfindlichkeit ist beim sieben Monate alten Baby schon gut. Die Ummantelung der Fasern des Sehnervs, die Myelinisierung, dauert bis zum Ende des zweiten Lebensjahres.

Stolpersteine im Sehlernprozess

Die Krankheiten, die dem Sehen lernen im Wege stehen können, sind vielfältig, sie betreffen sowohl das Auge selbst als auch den Sehnerv oder das Gehirn. Eine starke Fehlsichtigkeit ist eine mögliche Ursache, vor allem, wenn es große Unterschiede zwischen beiden Augen gibt. Erhält das Gehirn von beiden Augen zu unterschiedliche Bilder, kann es die Informationen nicht zu einem gemeinsamen Seheindruck verarbeiten. Deshalb wird das Bild des einen Auges unterdrückt. Geschieht das dauerhaft, dann wird dieses Auge schwachsichtig (amblyop). Diese Gefahr besteht auch, wenn Kinder schielen. Mit der Amblyopiebehandlung, bei der das „stärkere“ Auge zeitweise abgedeckt wird, verfolgen Augenärzte das Ziel, Schwachsichtigkeit zu vermeiden oder teilweise bis vollständig rückgängig zu machen.

Störungen der Sehbahn

Andere Krankheiten behindern den Weg des Lichts zur Netzhaut. Das kann ein hängendes Oberlid sein (Ptosis), aber auch eine Trübung der Hornhaut, der Linse (angeborene Katarakt) oder des Glaskörpers. In diesen Fällen ist zu prüfen, ob eine frühzeitige Operation notwendig ist.

Angeborene Katarakt (Grauer Star)

Bei einem von 1500 Neugeborenen ist die Augenlinse ein- oder beidseitig so stark getrübt, dass eine Operation bereits in den ersten Lebenswochen notwendig wird. Die Diagnose ist einfach, wenn bei den Vorsorgeuntersuchungen der (physiologische) rote Fundusreflex untersucht wird (Brückner-Test). Ohne rechtzeitige Therapie ist nach acht bis zehn Wochen ein Augenzittern zu beobachten (Nystagmus). Ein Nystagmus kann auch Begleiterscheinung verschiedener anderer Krankheiten sein. Die beidseitige Katarakt ist in mindestens 25 Prozent erblich bedingt, die einseitige Katarakt tritt meist sporadisch auf.

Angeborenes Glaukom (Grüner Star)

Bei einem von 12.500 Kindern entwickelt sich während der Schwangerschaft der Kammerwinkel nicht richtig und das Kammerwasser im Auge fließt nicht ausreichend ab. Bei diesem angeborenen Glaukom kann der erhöhte Augeninnendruck bewirken, dass sich die Augäpfel vergrößern – ein sichtbares Zeichen dieser Erkrankung, die das Sehvermögen bedroht. Besteht der Verdacht auf ein angeborenes Glaukom, muss das Kind so schnell wie möglich untersucht und eventuell operiert werden, um sein Augenlicht zu retten.

Retinoblastom (Tumor)

Eine weitere, wenn auch noch seltenere Krankheit ist das Retinoblastom. Von diesem bösartigen Tumor, der von genetisch veränderten unreifen Netzhautzellen ausgeht, sind pro Jahr in Deutschland etwa 50 Kinder betroffen (ein Kind von 15.000). Wird der Tumor, der praktisch nur bei bis zu fünfjährigen Kindern auftritt, früh genug erkannt, sind Laserkoagulation, Kryokoagulation (die Therapie mit Kälte) oder Brachytherapie (Kurzdistanzbestrahlung) Behandlungsoptionen, bei denen der Tumor zerstört wird und das Auge erhalten bleibt. Auch Kombinationen mit einer Chemotherapie können sinnvoll sein. Ist der Tumor schon zu groß, muss das gesamte Auge entfernt werden. Unbehandelt führt der Tumor in einem hohen Prozentsatz zum Tode.

Frühgeborenen-Retinopathie (Netzhautkrankheit)

Jedes zehnte Kind kommt heute früher als erwünscht zur Welt. Dank des medizinischen Fortschritts können heute im Brutkasten sogar Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 500 Gramm und weniger überleben. Wenn Frühgeborene mit Sauerstoff beatmet werden müssen, damit Hirn und Lunge möglichst ungestört reifen, gefährdet mitunter eben dieser überlebensnotwendige Sauerstoff die ebenfalls noch unreife Netzhaut. Es bilden sich möglicherweise unkontrolliert Netzhautgefäße, die in den Glaskörper hineinwuchern können. Die Frühgeborenen-Retinopathie ist mit dem Risiko einer Netzhautablösung verbunden, die unbehandelt zur Erblindung führt. Deshalb arbeiten neonatologische Abteilungen eng mit erfahrenen Augenärzten zusammen. Sie überwachen die Netzhaut aller Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden oder die mit weniger als 1.500 Gramm zur Welt kamen. Auch etwas reifere Kinder werden kontrolliert, wenn sie länger als drei Tage mit Sauerstoff beatmet werden mussten. Regelmäßige Untersuchungen stellen sicher, dass der richtige Zeitpunkt für eine gegebenenfalls notwendige Behandlung nicht verpasst wird. Mit einem Dioden- oder Argonlaser wird die Netzhaut außerhalb der erkrankten Gefäße verödet und so die Gefahr der Ablösung gebannt.

Netzhaut und Sehnerv

Netzhaut, Sehnerv und zentrale Sehbahnen können von Krankheiten betroffen sein. Sie sind vielfältig und erfordern eine sorgfältige, differenzierte Diagnose. Insbesondere, wenn in der Familie des Kindes Augenerkrankungen bekannt sind, sollte ein Augenarzt das Baby schon früh untersuchen. Bei bekannter genetischer Veranlagung in der Familie ist gegebenenfalls eine entsprechende Beratung der Familien sinnvoll.

Früh hinschauen

Die Beobachtungen der Eltern spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Sehstörungen und Augenerkrankungen bei Kleinkindern festzustellen. Sie können beurteilen, ob das Kind überhaupt auf visuelle Reize reagiert – auf Licht, Gesichter oder Spielzeug. Und sie können beschreiben, ob das Kind das Gesicht der Eltern oder auch die eigenen Hände und Füße fixiert und aufmerksam betrachtet. Zusätzlich kann der Augenarzt mit unterschiedlichen Methoden prüfen, ob die Augen in Ordnung sind. Neben der ein- und beidseitigen Prüfung der Sehleistung spielt die Ermittlung des Sehvermögens im Nahbereich eine wichtige Rolle, insbesondere wenn die Frage des Schulbesuchs zu beantworten ist. Der Augenarzt kann bereits bei Säuglingen und Kleinkindern testen, ob der so genannte optokinetische Nystagmus (OKN) auslösbar ist. Er besteht aus einer Abfolge langsamer Folgebewegungen der Augen und schnellen Rückstellbewegungen. Wenn der OKN sowohl horizontal als auch vertikal ausgelöst werden kann, ist ein brauchbares Sehvermögen zu erwarten. Die Sehschärfe lässt sich schon bei Säuglingen mit bestimmten Spezialverfahren überprüfen. Je älter die Kinder werden, desto differenziertere Tests sind möglich. Objektive Aussagen über die Refraktion, also den Brechwert, ermöglicht die Skiaskopie, eine Untersuchungsmethode, die nur einfache Hilfsmittel, aber einen erfahrenen Untersucher voraussetzt. Diese Methode ist bereits bei Säuglingen einsetzbar.

Vorsorgeuntersuchungen

Die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt und beim Augenarzt sind deshalb wesentlich für die Prävention. Der Berufsverband der Augenärzte empfiehlt, dass alle Kinder im Alter von zweieinhalb bis dreieinhalb Jahren augenärztlich untersucht werden. Kinder, bei denen erhöhte Risiken bestehen, wie erbliche Augenkrankheiten, die Entwicklung einer Schielstellung oder Fehlsichtigkeit, sollten schon im Alter von sechs bis zwölf Monaten zum Augenarzt. Bei familiärer Katarakt und erblichem Retinoblastom muss die erste augenärztliche Untersuchung sogar bereits in der ersten Lebenswoche erfolgen. In Zweifelsfällen oder wenn Besonderheiten auffallen wie Augenzittern, Hornhauttrübungen, grau-weißliche Pupillen, große lichtscheue Augen oder Lidveränderungen, soll das Kind sofort augenärztlich untersucht werden.

Frühförderung

Mit einer möglichst früh einsetzenden Therapie, sei sie konservativ oder operativ, können die Augenärzte in vielen Fällen erreichen, dass sich das Sehvermögen weitgehend normal entwickeln kann. In den Fällen, in denen eine Sehbehinderung oder gar Erblindung trotz aller Bemühungen nicht zu vermeiden ist, vermitteln die Augenärzte den Kontakt zu Frühförderstellen für sehbehinderte und blinde Kinder. Nicht nur die Kinder, auch die Eltern finden hier in ihrer schwierigen Situation Ansprechpartner, die sowohl Tipps für praktische Hilfsmittel als auch pädagogische und psychologische Unterstützung bieten. Von Geburt an bis zum Schuleintrittsalter erhalten die Kinder eine individuell abgestimmte Förderung. Sehbehinderte Kinder lernen so, ihr noch vorhandenes Sehvermögen optimal zu nutzen. Vollständig erblindeten Kindern wollen die Förderangebote zu einer möglichst großen Selbständigkeit und Mobilität verhelfen.

Jahrelange Betreuung

Im Falle einer frühkindlichen Augenerkrankung ist meist eine jahre- oder auch jahrzehntelange Begleitung durch den Augenarzt gefragt. In den ersten Jahren wird er gemeinsam mit Orthoptistinnen alle nur möglichen Hilfestellungen geben, um das bestmögliche Sehvermögen zu erreichen. Viele dieser Kinder tragen zudem ihr Leben lang ein erhöhtes Risiko, weitere Augenkrankheiten zu entwickeln. Regelmäßige Untersuchungen sind deshalb sinnvoll.

Prof. Dr. med. Birgit Lorenz
Direktorin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH Standort Gießen
Friedrichstr. 18
35392 Gießen
Tel.: (06 41) 99 43 801
Fax: (06 41) 99 43 809
E-Mail: birgit.lorenz@uniklinikum-giessen.de


Abbildungen

Abb. 1
Abb. 1: Der Lang-Test erlaubt es, das Stereosehen bereits bei neun Monate alten Kindern zu prüfen.

Abb. 2
Abb.2: Visus-Test für Kleinkinder: Die LEA-Tafel

Abb. 3
Abb. 3: Die Skiaskopie ermöglicht schon bei Säuglingen eine objektive Bestimmung der Refraktion

Abb. 4

Abb.4: Beispiele angeborener Katarakte