Pressekonferenz 2001

Zrenner

Kurzsichtigkeit, die nur bei Dunkelheit behindert

Wer bei Nachtfahrten nur noch ungern am Steuer sitzt, weil er dann deutlich
unschärfer sieht als am Tag und weil ihm seine Blendungsempfindlichkeit
zu schaffen macht, hat möglicherweise einen beginnenden Grauen Star oder
in manchen Fällen auch eine Nachtmyopie, das heißt, er wird
kurzsichtig bzw. kurzsichtiger, wenn das Umfeld dunkel ist. Patienten, die
über diese Schwierigkeiten beim nächtlichen Autofahren klagen, sind
in der Augenarztpraxis eher die Regel als die Ausnahme, weil
Blendungsempfindlichkeit im Alter zunimmt. Im Falle einer Nachtmyopie, die
auch und gerade bei jüngeren Menschen auftritt, werden helle Punkte bei
ihrem Auftauchen nicht scharf punktförmig auf dem Augenhintergrund
abgebildet sondern als Zerstreuungsscheibchen; dadurch entsteht die Empfindung
erhöhter Blendung und ein unscharfes Bild.

Ursachen der Nachtmyopie

Und warum sie oft unentdeckt bleibt


Die natürliche Alterung der Linse und der Netzhaut kann bereits früh
zum Problem werden, vor allem dann, wenn die Brillenkorrektion nicht optimal
ist. Das passiert leicht, denn in aller Regel werden die Korrektionswerte der
Brillengläser unter Tageslichtbedingungen bestimmt. Aber es ist
längst nicht immer gesagt, dass für jeden Menschen die gleichen
Werte auch bei Dämmerung und Dunkelheit die richtigen sind. Dafür
gibt es eine Erklärung: Bei fehlendem Akkommodationsreiz schaltet das
Auge auf Entspannung, der Blick fällt ins Unendliche. Das gilt aber nicht
im Dunkeln. Da liegt dieser Bereich in einer Entfernung von ein bis drei
Metern mit relativ großen Schwankungen. Man spricht von der
"Kurzsichtigkeit des leeren Raumes".

Dies muss nicht nur bei Nacht der Fall sein sondern tritt auch bei starkem
Nebel, bei Regen oder Schneetreiben auf, also immer dann, wenn das Augenpaar
keine Möglichkeit hat, ein geeignetes Objekt zu fixieren. Das lässt
sich dadurch erklären, dass die Ziliarmuskeln sowohl sympathisch als auch
parasympathisch innerviert sind. Die Akkommodationsruhelage wäre demnach
ein Gleichgewichtszustand zwischen parasympathischer und sympathischer
Innervation, die nicht notwendigerweise gerade im Fernpunkt liegt.

Eine wissenschaftliche Studie, bei der namhafte Ophthalmologen
2300 Personen untersuchten, ergab bei 14 % der Probanden eine
Nachtmyopie von etwa -0,5 dpt und bei weiteren 11 % sogar eine
Nachtmyopie von mehr als -0,5 dpt bis maximal -2 dpt.
Korrekturbedürftig ist dies dann, wenn Personen häufig in
Situationen geraten, bei denen der Fusionsreiz sehr niedrig ist oder
vielleicht fehlt, also bei Menschen, die in der Dunkelheit möglichst gut
sehen müssen wie z.B. PKW- und Lastwagenfahrer, die nächtliche
Fahrten nicht vermeiden können.

Wie der Augenarzt eine Nachtmyopie entlarvt

Die Nachtmyopie ist leider etwas umständlich festzustellen. Sie wird
durch Bestimmung der Sehschärfe oder der Kontrastwahrnehmung im wirklich
voll abgedunkelten Raum erfasst. Durch Vorschalten von Minusgläsern der
Stärken -0,5 bis -2,0 dpt wird geprüft, ob der Proband
deutlicher sieht. Die Helligkeit eines Raumes muss tatsächlich sehr stark
abgesenkt werden, damit ein Normalsichtiger nur noch eine Sehschärfe von
0,1 - 0,2 erreicht. Dieser Visus wird dann durch Vorsetzen von
Minusgläsern optimiert. Oft muss man bei Verdacht auf Nachtmyopie dem
Patienten auch einen Vorhalter mit beidseits. -0,5 oder -1,0 dpt
mitgeben und ihn selber testen lassen (etwa als Beifahrer), ob er mit einem
dieser beiden Vorhalter eine Verbesserung der subjektiven Sehschärfe
erzielt.

In einem Mesoptometer, einem speziellen Gerät, das Sichtbedingungen bei
Dämmerung und Dunkelheit berücksichtigt, sind geeignete Testfiguren
eingebaut. Besser erfassen lässt sich die Nachtmyopie mit einem
Infrarotvideorefraktionsgerät, etwa dem PowerRefractor, der die
Akkommodation fortlaufend online misst. Wird der Raum dann abgedunkelt, kann
die Akkommodationsruhelage im Dunklen durch das Infrarotmessverfahren genau
bestimmt werden.

Natürlich muss bei Patienten mit Sehschärfeproblemen bei Nacht oder
Blendungsbeschwerden zunächst geprüft werden, ob seine
Fehlsichtigkeit mit einer Brille oder Kontaktlinsen wirklich optimal
ausgeglichen ist. Unzureichende Korrektionen wirken sich im Dunkeln bei weiter
Pupille sehr viel stärker aus. Brillen mit Gleitsichtgläsern
können ebenfalls die Ursache für die Schwierigkeiten beim
nächtlichen Autofahren sein. In dem Fall sollten sie durch
Einstärkengläser ersetzt werden. Oftmals ist es aber auch ein
beginnender Grauer Star, der die Sehschärfe herabsetzt und die
Blendempfindlichkeit erhöht. Dann wird die Sehleistung die Staroperation
wesentlich verbessert.

Auto- und Motorradfahrer sollten ihre Sehleistung vorsorglich alle zwei bis
drei Jahre von ihrem Augenarzt untersuchen lassen. Bei verminderter
Sehschärfe im nächtlichen Straßenverkehr und bei erhöhter
Blendempfindlichkeit ist der Besuch beim Augenarzt dringend anzuraten, denn
nur er kann die Ursache ermitteln, mögliche krankhafte Veränderungen
ausschließen bzw. erkennen und sie rechtzeitig behandeln. Ergibt die
Diagnose, dass eine Nachtmyopie für die Beschwerden verantwortlich ist,
hilft die Verordnung einer Brille speziell für Autofahrten bei
Dämmerung und Dunkelheit.

Prof.Dr.med. Eberhart Zrenner
Univ.-Augenklinik Tübingen, Abt. II
Schleichstraße 12-16
72076 Tübingen
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